BIRDIE

Es roch nach frisch gemähtem Gras und der Kies knirschte unter seinen Schuhen, als Werner seine Golfsachen aus dem Kofferraum holte. Er hörte den satten Klang eines erstklassig abgeschlagenen Balls und von Weitem schallte ein kräftiges „Fore!“ durch die sommerliche Luft. Er lächelte. Drei Monate hatte er ausgesetzt, ab heute würde er selbst wieder auf dem Platz stehen und sein absolutes Glücksloch spielen – die Nummer 13. In drei Jahrzehnten Clubmitgliedschaft immer ein Schlag unter Par. Immer ein Birdie.

Er setzte die Kappe auf, die in großen Lettern seinen Namen trug, und schob den Golf Trolley über den Parkplatz. An der Driving Range warteten bereits Mirac und Günni auf ihn. Sie wollten eine Übungsrunde spielen. In vier Wochen stand ein wichtiges Turnier an, auf dem Werner um jeden Preis sein Handicap verbessern wollte.

„Na Männer, alles fit?“, begrüßte er sie und stellte den Trolley neben dem Gehweg ab.
Sie nickten.
„Und bei dir? Ich meine, die Sache mit dem Huhn …“, fragte Günni und trat von einem Fuß auf den anderen.
Werner schluckte und schaute sich um: „Wo ist Adam?“
„Ausgetreten“, antwortete Mirac. „Schon vor Monaten. Hatte wohl keine Lust mehr, der Gute.“
„Wie?“
Günni kratzte sich am Kopf: „Wollten es auch erst nicht glauben, aber Sandro hat uns die Kündigung seiner Mitgliedschaft gezeigt.“
Obwohl Werner es für einen großen Scherz hielt, lachte er nicht. Adam liebte doch das Golfen. Auf nichts und niemanden war mehr Verlass.
„Was für ein Depp. Dann los, Männer!“
Werner nahm seinen Trolley und sie liefen zum ersten Abschlag des Tages.

Sein Debütball nach der Pause klang voll und flog weit. Nach fünf Spielen lag Werner genau auf Par. Dies blieb so, bis sie zu Loch 13 kamen.
Werner rieb sich die Hände, strahlte und zog den Driver aus seiner Golftasche. Er drapierte den Ball auf das Tee, schaute die Bahn entlang und nahm die Fahne ins Visier. 287 Meter bis zum Ziel. 287 Meter bis zu seinem Birdie.

Nach drei, vier Probeschwüngen sprach er den Ball an, zog den Schläger auf und schwang durch, hin zu einem perfekten Treffmoment. Er schaute dem Ball hinterher, der weder zu wenig noch zu viel Spin hatte, der auf dem höchsten Punkt seines Fluges in der Sonne funkelte, abflaute und in weiter Entfernung im Gras liegenblieb. Während Mirac und Günni spielten, konnte Werner es kaum erwarten, seinen Ball aufs Grün zu putten. Er wollte schon zu ihm sprinten, aber das verbot natürlich die Etikette.

Sein Lächeln krachte augenblicklich zu Boden, als er seinen Ball entdeckte. Dieser ruhte vor einem kniehohen, mit Gras überwachsenen Hügel, den er mit großen Augen musterte. Er zog sich quer über seine Lieblingsbahn. Zwanzig Meter vor dem Grün.
„Was ist das?“
„Ein Hügel“, antwortete Günni und kramte nach einem Taschentuch, um sich die Nase zu putzen.
„Das sehe ich auch. Wie kommt der hier hin?“
Seine Mitspieler zuckten mit den Schultern. Werner lief um den Hügel herum und begutachtete ihn: „Warum hat mir das keiner gesagt?“
„Werner, es ist ein Hügel. Mehr nicht,“ versuchte Mirac ihn zu beruhigen, wissend, dass der nächste Flight bereits am Abschlag ungeduldig wurde.
„Das ist Schikane.“
Am liebsten hätte Werner seinen Schläger auf der Stelle zertrümmert, doch im letzten Moment mahnte er sich.

Zwei Stunden später erreichten sie das Clubhaus und Werner stiefelte ohne Umwege in das Büro von Sandro: „Der Hügel muss weg!“
„Maulwürfe, Werner. Natur halt“, entgegnete Sandro und hackte weiter auf seine Tastatur ein.
„Ne, nix Maulwurf. Ich spreche von dem halben Berg auf Bahn 13. Ich musste den Ball pitchen. Normalerweise putte ich ihn direkt aufs Grün. Statt wie sonst drei, habe ich vier Schläge gebraucht. Inakzeptabel!“
Sandro richtete sich in seinem Bürostuhl auf: „Bahn 13 musste auf natürlichem Weg erschwert werden. Neue Richtlinien. Sonst hätten wir unser Course Rating nicht halten können.“
Werner kniff die Augen zusammen.
Sandro stand auf: „Was den Hügel betrifft, sind mir die Hände gebunden, Werner. Aber was hältst du von einer Trainerstunde? Aufs Haus. Ein paar Monate Pause gehen schon mal zu Lasten des Spiels. Keine falsche Scham, mein Lieber!“
Werner schnaufte.
Sandro hielt ihm die Hand entgegen: „Zwei Trainerstunden und zwanzig Eimer Bälle? Bis zum Turnier bist du wieder der Alte. Versprochen!“
Kopfschüttelnd schlug Werner ein.

Selbst nach sechshundertvierzig Bällen auf der Driving Range, intensiven Trainerstunden und Krafttraining im Fitnessstudio gelang es Werner kein einziges Mal, den Ball hinter den Hügel zu bringen. Er kaufte neue Schläger, Bälle, Tees. Werner bekam immer mehr Lust, auf den Hügel einzudreschen. Sein inneres Spiel litt und der Tag des Turniers rückte stetig näher.

Am Ende des Turniers war klar: Nicht nur, dass er das Birdie nicht geschafft hatte, auch sein Handicap blieb deshalb unverändert. Als er die Zahl schwarz auf weiß vor sich sah, sah er nur noch rot.

Mit einer Schaufel bewaffnet lief Werner über den Golfplatz, während Sandro hinter ihm herjagte und schrie: „Bist du von Sinnen?“
Werner setzte die Schaufel an, als Sandro neben ihm auftauchte, sich die Seite hielt und keuchte: „Wenn du das machst, muss ich dir … die Mitgliedschaft entziehen.“
„Entweder der Kackhügel oder ich!“
„Ich glaube, der Hügel steht für etwas anderes. Du vermisst das Huhn. Und nun gib mir die Schaufel.“
Sandro hielt seine offene Hand hin, während Werner die Nase verzog: „Was erzählst du da?“
„Seit das Huhn nicht mehr ist, bist du nicht mehr derselbe. Wie auch? Das braucht seine Zeit. Fahrt doch mal weg. Vergiss den Hügel! Gönnt euch eine Auszeit. Isolde wird sich freuen.“
„Womöglich hast du recht, alter Freund. Das Huhn hat uns eine Menge bedeutet.“
Werner gab Sandro die Schaufel und trottete Richtung Parkplatz.

Im Auto zog er seine Kappe ab, legte sie auf den Beifahrersitz, startete den Motor und fuhr vom Parkplatz. Ja, das Leben hatte ihm das Huhn genommen, aber nun auch noch das Golfen? Sein Birdie? Er stieg auf die Bremse, stellte den Motor ab und zog seine Kappe wieder auf.

Durch eine Seitentür betrat er die schwach erleuchtete Scheune, in der die Arbeitsmaterialen der Greenkeeper lagerten. Das Garagentor fuhr hoch, Werner legte den ersten Gang ein und der Bagger donnerte über den Asphalt. Er nahm den direkten Weg zu seiner Lieblingsbahn.

Schneisen zogen sich durch das Gras, die Stiefmütterchen hatten keine Chance. Ein Hase, der an einem Grashalm kaute, sprang in der allerletzten Sekunde zur Seite.
Er machte auch nicht Halt, als er Sandro sah, der mit wehenden Armen vor seinem verdammten Verordnungshügel stand, denn Werner kannte nur ein Ziel: Den Hügel ein für alle Mal zu beseitigen.

Er fuhr die Schaufel aus und trug Schicht für Schicht ab, während Sandro an der Tür rüttelte, mit Fäusten gegen die Scheiben haute und brüllte, bis er heiser wurde.
Als Werner ausstieg, stand Sandro nur noch wie ein Häufchen Elend neben dem Bagger.
„Wir streuen ein paar Grassamen über die Stelle und alles ist wieder gut, alter Freund.“
Er schlug Sandro auf die Schulter, wodurch der nur noch weiter in sich zusammensackte. Grinsend nahm Werner den Spaten, um die Fläche zu ebnen, als er eine längliche Holzkiste entdeckte, die im Erdreich eingebettet war. Sie schaute nur wenige Zentimeter über der Grasnarbe hervor.
„Was zum Henker …“
Mit der Schaufel hebelte Werner die Kiste auf und schaute in die toten Augen von Adam.

Wer wissen möchte, was es mit dem Huhn auf sich hat: Ein schwarzer Tag