FRAU PLANK

Drei Anrufe in Abwesenheit. Er warf das Handy auf den Beifahrersitz. Bestimmt wieder so ein Telefonanbieter, der einem etwas unterschieben wollte. Oder ein Versicherungsheini. Für ihn waren sie alle gleich.
Egon zündete sich eine Zigarette an und kurbelte das Fenster herunter. Trotz herrlicher Aprilsonne strömte kalte Luft in den Innenraum des Lieferwagens. Seine mit Arthritis verseuchten Gelenke mochten es zwar eher warm, aber Zigarettenasche im Auto konnte er nicht ausstehen. Auch wenn der Wagen nur geliehen war.

Er würde fünfhunderttausend bei der Sache machen. Und das Virus? Spielte ihm in die Karten. Durch die verordnete Kontaktsperre waren kaum Menschen und damit weniger Zeugen auf der Straße. Es würde dauern, bis jemand bemerken würde, dass die Kleine verschwunden war. So musste er sich auch nicht stressen, um das Lösegeld einzufordern.
Er schaute in den Seitenspiegel und zog genüsslich an der Zigarette.
„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“
Er musste husten und schwor sich, eines Tages aufzuhören.

Egon fuhr rückwärts in die mit Efeu und Gestrüpp überwucherte Garage. Sobald er die halbe Million in seinen Händen hielt, wäre die von seiner Tante geerbte Bruchbude nur noch Schall und Rauch. Er würde sich Richtung Hawaii absetzen. Oder doch Acapulco?
Er stellte den Motor ab. Da bimmelte das Handy erneut.
„Meine Fresse, was ist denn?“
„Meier vom Gesundheitsamt. Herr Weinrich, sie standen mit einer Person in Kontakt, die mit Covid-19 infiziert ist. Sie stehen ab sofort für vierzehn Tage unter Quarantäne. Es kommt jemand vorbei, um einen Abstrich zu nehmen.“
„Nee, mir geht es blendend. Muss keiner kommen.“
Egon legte auf.

Durch die Verbindungstür schleppte er den jungen Körper ins Haus. Er war unsicher in Bezug auf die Dosierung des Chloroforms gewesen. Das Mädchen war doch dünner als auf den Fotos. Sie würde wohl noch eine Weile schlafen.
Im Keller zog er an einer Kette, um das Licht einzuschalten, und legte sie auf Baumwolldecken ab, die nach 4711 stanken. Seine Tante hatte in dem Zeug gebadet. Er prüfte, ob die Augenbinde sowie die Hand- und Fußfesseln festsaßen. Er wollte nicht böse überrascht werden.  

Auf der Suche nach einem Feuerzeug lief Egon durchs Wohnzimmer, als es an der Haustür klingelte. Er duckte sich und robbte hinter das Sofa. Es schellte erneut. Da hörte er Frau Plank von gegenüber schnattern: „Der Herr Weinrich ist eben nach Hause gekommen!“
Er ballte die Hände zu Fäusten. Diese blöde Kuh! Gut, dass die Kleine unten im Keller noch eine Weile ausgeknockt war.

Egon öffnete zähneknirschend die Tür. Ein Mann in Weiß ragte vor ihm auf. Er versicherte ihm, dass er kerngesund sei, doch der Mann beharrte auf einen Abstrich: „Herr Weinrich, je länger Sie es hinauszögern, desto länger wird es dauern. Ganz einfach.“ Egon öffnete den Mund, und gerade als der Mann das Haus verlassen wollte, hustete das Mädchen im Keller.
„Wohnt noch jemand hier?“
„Nee, wohne alleine.“
„Sind Sie sicher? Da hustet doch jemand.“
Egon sprach lauter, um das Husten zu übertönen: „Meine Tante ist vor zwei Jahren verstorben. Bestimmt Frau Plank. Wenn sich jemand das Virus holt, dann sie. Die quasselt den ganzen Tag.“
„Herr Weinrich, nehmen Sie das ernst. Wir kontrollieren unangemeldet, ob Sie sich an die Auflagen halten.“
„Ich werde hier sein.“
Egon lächelte, als ob ihm die Sonne aus dem Arsch scheinen würde, und schloss die Tür hinter sich. Keine zwei Sekunden später schrie das Mädchen um Hilfe.

„Lass mich los, du Arschloch!“
Sie kreischte und spuckte. Wusste sie von dem tödlichen Virus, das gerade umging?
Es dauerte eine Weile, bis er ihr einen Knebel angelegt hatte. In Schweiß gebadet stand er vor ihr. Die Jugend von heute. Er brauchte Nikotin.

Am späten Nachmittag brachte er dem Mädchen Wasser und ein Käsebrot. Er nahm ihr den Knebel ab, mit dem Hinweis, sollte sie schreien, würde er ihn sofort wieder anlegen. Sie nickte und hustete. Er ging ein paar Schritte zurück. Ob sie sonst was bräuchte? Ja, Tampons.

Der Lieferwagen rollte aus der Garage. Egon wollte zuerst zum Supermarkt fahren und anschließend zu der Telefonzelle am Stadtrand, um das Lösegeld einzufordern. Er traute den heutigen sogenannten Smartphones nicht. Kurz vor Bordsteinkantenende musste er scharf bremsen, sonst wäre er mit Frau Planks fülligem Körper zusammengestoßen. Die Hände in die Hüften gestemmt stand sie vor ihm: „Egon Weinrich, wo wollen Sie hin?“
Er kurbelte das Fenster runter: „Einkaufen.“
„Das lassen Sie mal schön bleiben. Das sehe ich gar nicht gerne. Ab ins Haus mit Ihnen. Geben Sie mir die Liste, ich mache das für Sie.“
„Ich bin gesund. Will nur kurz…“
„Soll ich das Amt verständigen?“
Er hielt den Zettel aus dem Fenster, den sie sich schnappte und begutachtete.
„Wofür brauchen Sie denn Tampons?“
„Ähm … für sowas wie Nasenbluten?“
Frau Plank lachte auf.
„Dachte schon, Sie hätten ein Liebchen und mir nichts davon erzählt. In welcher Größe hätten Sie denn die gerne? Mini, normal, super, superplus?“
„Es gibt unterschiedliche Größen?“, murmelte er Richtung Beifahrersitz, während Frau Plank seine Nase eingehend musterte: „Ihre Nase ist normal.“

Im Haus ging er auf und ab. Rauchte eine nach der anderen. Schüttelte sich vor Husten. Und Frau Plank? Erzählte Trude am Telefon, dass Egon Weinrich eine Geliebte hatte, die er vor ihr versteckte.

Kurz vor den Zwanzig-Uhr-Nachrichten stellte Frau Plank einen Korb vor die Haustüre, klingelte und ging. Sie hatte noch selbstgemachte Marmelade dazu gepackt und die gute Leberwurst vom Metzger. Doch er hörte sie nicht, weil er saugte. Ihm war Zigarettenasche runtergefallen.

Später lugte Egon immer mal wieder durch die Gardinen, ob bei Frau Plank die Lichter ausgingen, damit er endlich zur Telefonzelle fahren konnte. Er wurde müde. Fühlte sich mit einem Male schlapp und legte sich aufs Sofa. Er fror. Er zog die Decke bis zum Kinn. Gegen seinen Husten holte er sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Er schwitzte und stellte das Wohnzimmerfenster auf Kipp. Ein Klotz, schwer wie ein Ziegelstein, lag auf seiner Brust. Das war der Moment, in dem Egon Weinrich aufhörte zu rauchen.

Am nächsten Morgen stieg Frau Plank auf ihr Fahrrad und bemerkte, dass der Korb noch immer vor der Haustüre stand. Sie schüttelte den Kopf, dieser unverbesserliche Suffkopp. Der Vorgarten war auch ein reines Chaos. Aber das würde sie später klären. Jetzt musste sie los. Sie wollte früh beim Bauern sein, um die besten Eier zu ergattern. Aber kurz vor Mittag, der Linseneintopf köchelte auf dem Herd vor sich hin, ließ es ihr keine Ruhe mehr.

Egon Weinrich reagierte nicht auf ihr Klingeln, Klopfen und Rufen. Sie stapfte ums Haus. Durch das gekippte Seitenfenster spähte sie ins Wohnzimmer. Er lag neben dem Sofa. Sie hämmerte gegen die Scheibe, brüllte seinen Namen. Einige Nachbarn kamen aus ihren Häusern. Aber er rührte sich nicht. Sie rief den Notarzt.

Ein Rettungssanitäter der Feuerwehr wandte sich an Frau Plank: „Er murmelte ein paarmal die Worte Keller. Wohnt noch jemand mit im Haus?“
„Nein, seine Tante ist vor etwa zwei Jahren verstorben. Aber er hat eine heimliche Geliebte. Da kann er mir erzählen, was er will.“
„Wie auch immer. Im Haus war niemand mehr. Wir bringen ihn ins Krankenhaus.“
Frau Plank schloss die Haustüre ab.

Am frühen Abend bemerkte Frau Plank – sie kam gerade vom Friedhof – dass das Licht im Keller von Egon Weinrich brannte. Sie griff in ihre Jackentasche und holte den Schlüssel hervor. Sollte sie? Wenn sie Trude nur erzählen könnte, wer die Person war, die mit Herrn Weinrich verkehrte. Nein, auch sie hatte ihre Grenzen. Was aber, wenn er nur vergessen hatte, das Licht auszuschalten? Die Blumen bräuchten bestimmt auch Wasser und wenn sie dann per Zufall …

Frau Plank zog ihre Handschuhe aus und knipste das Licht im Flur an. Der Holzboden knarrte unter ihren Schritten. Es roch süßlich, nach abgestandenem Bier. Im Wohnzimmer faltete sie die Decke zusammen, klopfte die Kissen zurecht, nahm die leere Bierflasche mit in die Küche. Auf der Theke sammelte sich das dreckige Geschirr. Sie schüttelte den Kopf und spülte ab. Oben im Schlafzimmer machte sie das Bett. Der Ordnung halber. Eines war klar, sie würde sich noch ein paar Tage gedulden müssen, bis sie endlich wusste, wer die Dame war.

Sie trug den Müllsack raus, steckte den Schlüssel ins Schloß und zog an der Haustüre. Sie musste schnell sein, denn sie wollte die Nachrichten nicht verpassen. Im Fernseh hatten sie eine neue Corona-Verordnung angekündigt. Mit einer Hand schlug sie sich gegen die Stirn.
„Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen.“
Sie eilte zur Kellertür, nahm eine Stufe nach der anderen, roch 4711 (wie fürchterlich!), suchte nach dem Lichtschalter, fasste nach der Kette und zog an ihr, ließ sie aber nicht los.
„Egon Weinrich, du Schweinehund! So wahr mir Gott helfe, du bist ein Teufel.“
Frau Plank befreite das junge Mädchen von den Seilen und Schnüren, während sie es kaum erwarten konnte, Trude anzurufen, um ihr alles haarklein zu erzählen.

EPILOG

„Für dich waren also die Tampons?“
„Ja, aber das habe ich nur gesagt, um ihn zu ärgern. Und ich habe gehofft, dass es jemandem komisch vorkommt, wenn er sie besorgt.“
„Oh, Liebes! Ich wusste direkt, dass da was nicht stimmt.“