PAUSENKNOPF

Sie reichte ihm die Hand und strahlte: „Hallo, ich bin Lilo.“
Er starrte sie lediglich an. Sie nahm ihre Hand und ihr Strahlen zurück und schaute hilfesuchend zu Charlotte, die leicht den Kopf schüttelte: „Er meint das nicht böse. Leopold redet nicht gerne.“
Lilo runzelte die Stirn und schaute zu Leopold, der seinen Platz wieder einnahm.
„Hier ist dein Schreibtisch“, unterbrach Charlotte die Stille. „Willkommen bei uns in der Abteilung.“
Lilo setzte sich: „Was kann ich tun?“
„Hier sind Anträge. Die müssen ins System eingegeben werden.“
„Alles klar.“
Lilo kniete sich in die Bearbeitung der Anträge und war froh, dass sie sich hinter dem Bildschirm vor Leopold verstecken konnte.


Die Uhr zeigte kurz nach zwölf. Lilo stand auf und schnappte sich ihre Tasche: „Ich mache jetzt Mittag. Bis später.“
„Halt, Lilo!“, bemerkte Charlotte. „Ich habe vergessen, dir zu sagen, dass wir erst in die Pause gehen, wenn Leopold den Pausenknopf gedrückt hat.“
„Was für einen Knopf?“
„Den Pausenknopf. Bitte setze dich wieder! Bitte!“
„Ne, bin verabredet. Wo ist der Pausenknopf? Wenn es so wichtig ist, dann drücke ich ihn eben.“
„Es ist der oberste Knopf an Leopolds Strickjacke.“
Lilos Blick wanderte zu Leopold.
„Leopold, ich habe Hunger. Könntest du bitte den Knopf drücken.“ Er rührte sich nicht, sondern tippte weiter.
„Lilo, wir halten uns alle daran. Seit Jahren. Könntest du dich bitte wieder setzen.“
„Ich aber nicht.“ Lilo stürmte aus dem Raum.

Als Lilo aus der Pause kam, war Charlotte allein.
„Wo ist Leopold?“
„Nach Hause gegangen. Er fühlte sich nicht wohl.“
„Wie? Weil ich seinen Quatsch mit dem Pausenknopf nicht mitgemacht habe.“
Charlotte nickte.
„Ernsthaft?“
Charlotte nickte erneut.
„Das ist doch lächerlich.“
Lilo ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Bis zum Feierabend blieb es still im Raum.

Auch am nächsten Tag kam Leopold nicht zur Arbeit.
„Er kommt erst wieder, wenn auch du dich an den Pausenknopf hältst.“
„Das ist doch verrückt. Was ist, wenn er den Knopf nicht drückt? Verhungerst du dann lieber?“
Charlotte lächelte: „Unsinn. Das ist noch nie vorgekommen. Außerdem habe ich immer eine kleine Notration in der Schublade.“
„Wieso machst du das mit?“
Charlotte zuckte mit den Schultern: „Wieso fällt es dir so schwer, mitzumachen und Leopold so zu akzeptieren, wie er ist?“
Lilo spitzte ihre Lippen. Ihre Augen blitzten.
Charlotte wartete ihre Antwort nicht ab und wendete sich wieder ihrer Arbeit zu.

Als Lilo am nächsten Tag ins Büro kam, saß Leopold bereits an seinem Platz. Charlottes Schreibtisch war verwaist.
Bereits gestern war Lilo mit den Anträgen fertig geworden, so dass sie überlegte, ob sie Leopold nach Arbeit fragen oder auf Charlotte warten sollte.
„Charlotte kommt heute nicht.“
Lilo schaute hinter sich, aber da stand niemand.
„Sie ist krank.“
Langsam richtete sie sich auf und schaute über den Bildschirmrand rüber zu Leopold. Er sprach mit ihr.
„Kann ich etwas von ihrer Arbeit übernehmen?“
Sie erwartete keine Antwort von ihm, ärgerte sich, dass sie überhaupt gefragt hatte, und versank wieder hinter dem Bildschirm.
„Die ins System übertragenen Anträge müssen mit einer der Nummern versehen werden, die auf dem Blatt notiert sind, das ich dir heute Morgen auf deinen Schreibtisch gelegt habe.“
Lilo schnaufte und schloss die Augen.
„Leopold, warum hast du mir die Nummern nicht vor zwei Tagen gegeben?“
„Wie meinst du das?“
„Sie lagen dir ja schon Montag vor. Ich muss jetzt jeden Antrag noch einmal bearbeiten. Und das alles nur, weil ich deinen bescheuerten Pausenknopf nicht ernst genommen habe?“
„Wie kommst du darauf, dass der bescheuert ist?“, rief Leopold aus.
„Also, ist das der Grund, warum du mir die Nummern nicht schon vor zwei Tagen gegeben hast?“
„Nein. Ich habe sie heute Morgen auf dem Tisch von Charlotte gefunden, als ihr Telefon geläutet hat.“
„Charlotte hatte sie?“
„Genau, Charlotte.“
„Das glaube ich nicht. Warum sollte sie mir die Nummern nicht geben?“
Er schwieg. Lilo hackte die Zahlen in die Antragsmasken. Es wurde Mittag.

„Leopold, ich gehe in Pause.“
„Ich habe den Knopf nicht gedrückt.“
„Der interessiert mich nicht. Der gilt für mich nicht.“
„Der gilt für alle, die in diesem Raum arbeiten.“
„Fein, wie du meinst.“
Lilo schritt zu ihm rüber, drückte den obersten Knopf seiner Strickjacke und strahlte, während er die Augen aufriss und nach Worten suchte.
„Warum hast du das getan? Du hast das Andenken an meine Mutter beschädigt.“
„Ich soll was getan haben?“
„Meine Mutter hat den Knopf immer gedrückt, bevor wir gemeinsam gegessen haben.“
„Sie hat bestimmt nichts dagegen, wenn du auch mal so in die Pause gehst und was isst.“
„Ich weiß es nicht. Sie ist gestorben, als ich sieben war.“
„Das tut mir leid.“
Er legte den Kopf schief und verzog den Mund.
„Das Drücken erinnert mich an sie. Ich habe Angst, wenn ich es nicht tue, dass ich sie vergesse.“
„Das ist eine schöne Art, sich zu erinnern, Leopold. Und, weil ihr immer zusammen gegessen habt, ist es dir auch wichtig, dass wir gemeinsam Pause machen?“
Er lächelte.
„Ich schlage vor, dass ich noch ein paar Anträge bearbeite und du drückst den Knopf, wenn du soweit bist.“
„Lilo, ich glaube, heute können wir auch mal so in die Pause gehen.“