RAUSCHGOLDENGEL (IMMER LEICHT EINEN SITZEN)

Alle waren sie bei ihren Familien und Freunden oder auf dem Weihnachtsmarkt in der Altstadt. Er lief den Gang entlang und schaute auf sein Diensthandy. Keine Anrufe, keine neuen Nachrichten, keine Mails. Es war still geworden. Noch ein Tag bis Heiligabend. Am Ende des Ganges lag sein Büro. Er stand vor den deckenhohen Fenstern und starrte in die Dunkelheit. In der Ferne erstrahlte ein Weihnachtsbaum. Schneeflocken fielen vom Himmel. Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Sein Blick fiel auf Lauras Platz. Er war verlassen.

„Die Kampagne für das neue Produkt startet Anfang Januar. Wie geplant, trotz verspäteter Kundenfreigabe.“
Timo stand im Türrahmen.
„Danke dir für deinen Einsatz. Sehr gut!“
„Klar, Ehrensache. Frohe Festtage, Ben!“
Ben nickte. Kurz danach hörte er auch schon die Aufzugtüren, die sich hinter Timo schlossen. Er schaute in seinen Posteingang. Eine neue Nachricht. Weihnachtsgrüße von einem Werbeartikelhersteller. Er löschte die Mail und nahm sich die Reisekostenabrechnung vor.

Ein Poltern riss ihn aus seinen Gedanken. Es folgte ein Rumpeln. Er stand auf und schaute den Gang entlang. Die Geräusche kamen aus der Küche. Ein Engel mit goldenen Flügeln und kleinen Füßchen hing mit dem Kopf im Kühlschrank und brabbelte vor sich hin.
„Was, zur Hölle, machst du da?“, fragte Ben.
„Ich suche den Pitch-Sekt“, hallte es aus dem Innenraum. Der Engel kroch hervor und zwinkerte ihm zu. „Das gute Zeug.“
„Wie bitte?“
„Du bist doch der Chef hier, wieso weißt du so etwas nicht?“
„Raus hier. Sofort!“
Der Engel schüttelte sich.
„Dieses Jahr bin ich leider dran. Ich wurde geschickt, um dich in Weihnachtsstimmung zu bringen. Also, wo ist die Pitch-Brause?“
Ben ließ sich auf einen Stuhl fallen und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Auf dem Tisch lag ein angebrochener Christstollen.
„Hör zu! Ich habe keinen Bock auf euren Engelbesinnungsquatsch. Vor zwei Jahren musste ich meine Kindheit aufarbeiten. Letztes Mal gab es eine Familienaufstellung mit Bürostühlen. Was kommt dieses Jahr? Hypnose?“
Der Goldengel trat von einem Fuß auf den anderen und faltete seine Händchen. „Ich bin wirklich sehr durstig.“
Ben schnaufte.
„Im Kühlschrank unten links. Gläser findest du rechts oben über der Spüle.“
„Sehr cool. Übrigens, ich bin Tipsy.“

Ben stand auf und eilte in sein Büro zurück. Tipsy – die Sektflasche in der einen Hand und das volle Glas in der anderen – trippelte hinterher.
„Was machst du noch hier?“, fragte Ben und setzte sich an seinen Schreibtisch. „Hat mich gefreut und auf Wiedersehen.“
Tipsy seufzte.
„So einfach ist das nicht. Bis Mitternacht hast du mich an der Backe. Außer, ich schaffe es, dich bis dahin zu bekehren.“
„Nichts leichter als das. Frohe Weihnachten!“
Tipsy rollte mit den Augen. „Du Anfänger. Es muss von Herzen kommen. Ist dem so, leuchten meine Flügel.“
Ben runzelte die Stirn.
„Schau mich nicht so an. Goldengelprotokoll. Ich habe die Regeln nicht gemacht,“ sagte Tipsy und hielt Ben die Flasche Sekt hin.
Der winkte ab.
„Du solltest weniger von dem Zeug trinken!“
„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich habe keine Leber. Das ist das Gute, wenn man über allem schwebt. Es prickelt einfach ab.“
Ben atmete tief durch. „Bringen wir es hinter uns. Hast du den Fragebogen dabei?“
„Eins a Reminder. Ihr Werbemenschen seid immer so auf Zack.“
Tipsy stellte Flasche und Glas auf den Boden, zog eine goldene Schreibfeder sowie ein beige schimmerndes Blatt Papier hervor. Er räusperte sich.
„Würden Sie Weihnachten als das Fest der Liebe weiterempfehlen?“
„Nein.“
„Auf einer Skala von eins bis zehn, wie sehr sind Sie in Weihnachtsstimmung?“
„Null.“
„Warum sehen Sie das so?
„Das geht dich nichts an.“
Tipsy krickelte etwas auf das Papier. „Ist notiert. Super, dass du Weihnachten scheiße findest.“ Er schlug mit den Flügeln. „Schaffe ich es nämlich nicht, dich für das Fest der Liebe zu erwärmen, muss ich nächstes Jahr nicht wieder ran. Also? Kein Stress, nur Rausch.“
Der Goldengel strahlte.

Ben wandte sich wieder seiner Reisekostenabrechnung zu, während Tipsy durch den Raum hüpfte und an seinem Sekt schlürfte. Abrupt blieb er stehen und zeigte auf den leeren Schreibtisch.
„Wer sitzt da?“
Ben atmete tief ein.
„Niemand. Du kannst dich dahin setzen, solange du mich in Ruhe lässt.“
Tipsy schmiss sich auf den Bürostuhl und rutschte ein paar Mal mit seinem Popo hin und her.
„Der Stuhl ist aber bequem. Wer sitzt hier?“
„Laura saß da.“
„Wo ist Laura?“ Tipsy riss die Augen auf. „Oh bitte, sag jetzt nicht, dass sie tot ist, sonst kann ich hier nicht mehr sitzen.“
Ben sah ihn an.
„Sie hat die Agentur vor ein paar Wochen verlassen, um sich selbstständig zu machen. Ich würde gerne weiterarbeiten.“
Tipsy nickte und wippte mit seinen Füßchen unter dem Tisch.
„Wie findest du das?“
„Was?“, fragte Ben genervt.
„Na, dass sie weg ist?“
„Ich freue mich für sie. Sie ist top in ihrem Job. Wir waren ein super Team.“
„Wieso seid ihr dann nicht super zusammen?“
Ben lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Dazu gehören immer zwei. Sie hat kein Interesse.“
„Woher willst du das wissen?“
„Es schien ihr egal zu sein, dass sich unsere Wege trennen. Ich habe auch nichts mehr von ihr gehört.“ Ben hielt inne. „Außerdem gibt es eine andere.“
Tipsy füllte sein Glas auf. „Wenn ich Laura wäre, würde ich mich auch nicht melden. Sie ist bestimmt tiefsttraurig, dass du eine andere hast.“
„Woher willst du das wissen? Sie hätte ja …“
Tipsys Flügel vibrierten und er zeigte mit dem Daumen nach unten. Er nahm die Feder, schrieb „Team Laura“ auf die Rückseite des Blattes und hielt es hoch.
Ben schnaubte. „Ich habe ihr oft gezeigt, dass ich sie mehr als mag.“
Tipsy legte das Blatt zur Seite und griff nach seinem Glas.
„Du hättest ihr das auch mal sagen sollen. Dann würdest du jetzt nicht alleine in deinem Büro versauern.“
„Ich werde … egal, Thema beendet.“ Ben stand auf. „Ich bin mal kurz ums Eck. Fass ja nichts an!“
Tipsy hob die Arme über den Kopf, um seine Unschuld zu beteuern. Der Sekt schwappte über, klatschte gegen die Wand und lief an ihr hinunter. Es zischte. Funken schlugen. „Komisch, dass er lieber arbeitet, als bei seiner neuen Freundin zu sein“, murmelte er, lehnte sich nach vorne und malte Herzchen neben Lauras Namen. Hinter ihm zogen Rauchschwaden auf.

Kurz danach stach ihn etwas in seinen Goldengelpopo. Er riss die Augen auf und sprang vom Stuhl. Eine Flamme hatte ihn gepickst. FEUER! Er nahm die Flasche Sekt, zögerte, aber es half nichts. Er kippte das gute Zeug über die Glut, die munter weiter schwelte. Nun versuchte er es mit seinen Füßchen. „Aua, aua … ist das heiß.“ Ben kam zurück und riss die Augen auf. „Was zur Hölle … verdammt, komm da weg! Du verbrennst dich noch!“ Er drückte dem Engel sein Handy in die Hand. „Ruf die Feuerwehr! Ich hole einen Feuerlöscher.“ Der Rauch verdichtete sich. Die Sirene des Feuermelders heulte auf. Tipsys Heiligenschein zuckte. Seine Flügel flatterten und wirbelten den Fragebogen auf, der zu Boden segelte – vor seine Füße. Team Laura. Seine Fingerchen fegten über das Display. Ihre Mailbox sprang an, während die Flammen sich ihren Weg durch das Büro bahnten. Ben warf den Feuerlöscher zur Seite, packte den Goldengel und zog ihn aus dem Büro.

Die Feuerwehr rollte die letzten Schläuche ein. Vereinzelte Rauchwölkchen zogen durch die geöffneten Fenster des Gebäudes nach draußen. Ben saß auf einer Mauer. Um seine Schultern lag eine Decke. Tipsy stand mit angesengten Flügeln neben ihm und schaute zu Boden.
„Setz dich!“
Der Goldengel schüttelte den Kopf. „Besser nicht. Brandblase am Popo.“
„Deine Flügel?“
„Die werden wieder. Ist nicht das erste Mal.“
Ben schmunzelte und legte die Decke zur Seite.
„Gleich ist Mitternacht. Dann hast du es geschafft.“
Tipsy hüpfte wild. „Sie ist wieder da!“
Ben blickte auf und sah Laura, die auf ihn zugelaufen kam. Der Engel grinste.
„Ich habe ihr aufs Band gequatscht, dass du im Büro bist und brennst.“
„Was hast du?“
„Jetzt sei nicht so judgy! Sie ist gekommen, das zählt.“
Ben lachte. „Du bist schon ein besonderer Goldengel.“
„Jetzt vergeig das aber nicht wieder. Ich kann mich schließlich nicht um alles kümmern.“
Aber da war Ben schon längst weg.

Die Kirchturmglocken schlugen in einer Sekunde zwölf und Tipsys Flügel leuchteten. Klar und weit. Erhellten die Nacht, in der Ben und Laura sich das erste Mal küssten.